Werbung/Kommunikation: Wer knackt die Festung Babyboomer?

Die neue Seniorengeneration der Babyboomer überschwemmt die Welt des Konsums mit jugendlichem Enthusiasmus. Sie haben spezielle Konsumbedürfnisse, ein kritisches Auge, Geld und Zeit. Beispiel: Wellness- und Mineralbäder.

Vor kurzem hielt ich in Norddeutschland einen Vortrag über Seniorenmarketing. Im Saal sassen Verantwortliche für private Wellness- und Mineralbäder und ihre Konkurrenten der öffentlichen Hand. Mit Mineralien angereichertes Warmwasser ist eine Verlockung vor allem für vom Leben gebeutelte Muskeln, Knochen, Glieder und Gelenke. Graue Häupter dominieren zunehmend Garderoben, Wasser, Saunen, Dampfbäder und Liegestühle.

Nun spült der Zeitenlauf die neue Seniorengeneration der Babyboomer in Wellness- und Gesundheitsbäder ... und hinterlässt beim Management eine gewisse Ratlosigkeit. In der Diskussion zeigen sich zwei Probleme: Ihre grosse Zahl und ihr kritisches Verhalten. Kritisches Verhalten der Konsumenten ist für viele neu. Ist das nun nur lästig, oder schaukelt sich da die grosse Chance auf? Eine Frage im Übrigen, welche die Anwesenden in zwei Lager spaltet. Die Chance sehen alle, so richtig packen, wollen sie offensichtlich nur die wenigsten. Wollte man die Babyboomers gewinnen, wäre ein Zukunftsinvestment angesagt. Weshalb?

Die Babyboomers gehören zur Internetgeneration, fotografieren digital, konsultieren über ihren iPad die Medien und kommunizieren via Social Media, viele haben wirtschaftliche Verantwortung getragen und ihr Geist bewegt sich in einer globalisierten Welt. Das gilt nicht für alle, aber für eine nicht zu unterschätzende Zahl.

Diese Biografie schärft das Auge der neuen Seniorinnen und Senioren. Sie notieren im Geiste nicht nur Hygienemängel und stöhnende Liegen (damit haben sich die Bademanager zähneknirschend abgefunden), sie haben klare Vorstellungen über Dienstleistungsqualität und sie sehen verpasste Chancen. Was besonders lästig ist, sie thematisieren alles, was sie stört ... öffentlich und oft unermüdlich. Sie haben Zeit, es gilt, sie totzuschlagen. Sie sind gut vernetzt, was sie kritisieren verbreitet sich mit der Virulenz eines Flächenbrands. «Sie mögen manchmal lästig sein», meint ein Teilnehmer, «aber sie sind die Konsumenten der Zukunft» (oder der Gegenwart?). Die Babyboomer rauben den Jungen den Platz 1 als Konsumenten, durch ihre schiere Zahl und ihre wirtschaftliche Potenz.

«Manager», meint ein nachdenklicher Teilnehmer, «welche ihr Hauptzielpublikum als lästig empfinden ... da haben wir ein Problem ...» Und ein anderer meint, «Da kommt ja ein riesiges Potenzial an Erfahrung und Wissen auf uns zu. Das sollten wir nutzen – oder etwa nicht?»

Was zeigt, dass nicht alle Bademeister baden gehen.

Die fünf fundamentalen Fehler des Senioren-Marketings.

Die demographische Entwicklung und die Verschiebung von Einkommen und Vermögen Richtung graue Haare spricht eine klare Sprache. Die Ablösung des Jugendkultes durch den Altenkult ist bereits Tatsache, wenn auch noch in der Phase des Umbruchs. Ein Kult wird durch einen anderen Kult ersetzt, das entspricht dem Muster der historischen Entwicklung des Gesellschaftsverständnisses in allen Kulturen weltweit. Das ist immer eine Phase des Unverständnisses und der Unsicherheit - die Füsse, der Magen und die Arme stecken noch im alten Kult, der Kopf ahnt, dass im neuen Kult mehr Potenzial steckt. Beispiel aus der Praxis: Designstudie für ein Auto mit bequemerem Einstieg. Konsumentenbefragung über die Copy: "Steigen Sie ein, durch die bequemsten Türen der Autogeschichte - ideal auch für ältere Herrschaften." Ergebnis: Desaströs. Wir ändern die Copy und erzielen ideale Umfragewerte: "Für Menschen, die Verneigungen nicht mehr nötig haben". Was sind die Hauptgründe, wenn Seniorenmarketing nicht klappt?
1. Das falsche Bild der Jungen Alten. Pensioniert werden gegenwärtig die 68er und die Babyboomer. Das ist die Generation der Rebellen und der Babyboomer. Was dieser neuen, kritischen Seniorengeneration angeboten wird, ist Wasser anstelle von Wein.
2. Die Jungen Alten werden als isolierte Exoten im Markt angesprochen. Eigentlich glaubt man weder an ihre finanzielle noch an ihre intellektuelle Macht. Aber die neue Seniorengeneration repräsentiert jene Elite und ihre Entourage, welche die Welt in den globalen Marktplatz verwandelte.
3. Neuere Untersuchungen zeigen, wie das sich verdichtende Bewusstsein der Endlichkeit des individuellen Lebens, Kaufentscheide massgebend beeinflusst. Das wird ignoriert... birgt aber eine ganze Klaviatur für hochwertige Dienstleistungen und Produkte.
4. Zu wenig genutzt wird auch das Bedürfnis, im Leben Verpasstes nachzuholen. In diesem Begehren stecken massive, tiefgründige Hebelkräfte.
5. Der grosse Unterschied von Senioren-Marketing und zukunftsträchtigem Alten-Kult wird nicht einmal im Ansatz verstanden.