Mann wird weicher

Erinnern Sie sich an die Zeit, als Mann für pure Power stand? Wer sich einen Sportwagen leistete, wollte ein Gefährt hart wie ein Brett mit Stossdämpfern im Millimeterbereich. Das Ding sollte sich in den Asphalt krallen. Ich besass einen MG, der lag höchstens eine Handbreit über dem Asphalt. Nach einer Passfahrt kochte die Bremsflüssigkeit. Ich war begeistert, die Freundin nicht.

Das Prinzip Karussell-Schaukelpferdchen
Heutige  auch potente  Sportwagen werden Prostata schonend gefedert. Vorbild ist das Prinzip Karussell-Schaukelpferdchen, die nicken so brav vor sich hin. Das tun sie ein bisschen hastiger, wenn man in den Sportmodus schaltet. Für die Hersteller hat das Vorteile. Sie erweitern ihr Zielpublikum um Männer im Dreitagebart, die sich einen Kindertraum erfüllen und um Frauen, die Power beweisen wollen. Maserati hat heute ebenso viele weibliche wie männliche Kunden. Niemand fragt die Ladys am Steuer, ob sie es vielleicht nicht härter möchten. Man nimmt es einfach an.

Die Résistance gegen den Geist des Schwabbeligen
Jedenfalls stehen jetzt die Ferraris, Aston Martins und Porsches öfter vor Kinderspielplätzen als vor den Rundkursen dieser Welt. Die Väter bringen ihre Kleinen zum Sandhaufen und schalten auf «Normal». Die Sound-Engineers haben darauf reagiert. Sie haben das Brüllen der Motoren kultiviert. So ist es nur normal: Luxuskutschen nähern sich dem Sport, der Sport nähert sich dem Luxus. Das hat Gegenbewegungen ausgelöst. Die Fahnen der Résistance gegen den Geist des Weichen tragen ausgerechnet die Velosättel. Wie kam das?

Man wird zum Eunuchen auf Zeit
Wer sportlich Velo fährt, gibt Hoden, Samenleiter und das gesamte Genitalsystem vertrauensvoll in die Hand eines Marterbretts, genannt Velosattel. Das führt nach kurzem zu Gefühllosigkeit und nach einem gewissen Training zum Anschwellen der Wadenmuskeln bei gleichzeitigem Abschwellen jener Muskeln, die dem Penis zur aufrichtigen Haltung gegenüber einem wichtigen Teil seiner Funktionen verhelfen. Üblicherweise geht das so weiter: Man hat die Wahl zwischen einer liebevollen Partnerschaft oder Schweiss treibenden Trainingsfahrten, begleitet von Kuhglocken und herrlichem Abendrot. Um diese Wahl nicht treffen zu müssen, kauft man sich gegen alle Ratschläge einen weicheren Sattel. Weiche Sättel das Problem, die sensiblen Stellen werden durch einen geheimen Ratschluss der Physik endgültig abgeschnürt, man wird zum Eunuchen auf Zeit.

Die Geburtskliniken radrennbegeisterter Nationen verwaisen
In Ländern mit ausufernder Radrennbegeisterung wie Italien, Frankreich, Belgien und Spanien sinkt die durchschnittliche Gebärrate pro Frau nachweisbar. Ich mache die Velosättel dafür verantwortlich. Immer mehr Sportler fahren auf schlabberigem Gel im Sattel, im vergeblichen Versuch, Spass im Erhalt der Familie zu finden. Ein Sattel mit dem Namen Wahrer MANN® gibt da kreatives Gegensteuer.

Hart sei der Mann
Der Sattel ist geformt aus Granit, herausgehauen aus dem Gestein der kanadischen Gaspésie-Halbinsel, «seit Äonen von den kraftvollen Brechern des Atlantiks geformt und geglättet» wie der Hersteller schreibt. Ich warte jetzt auf den Sattel aus Kruppstahl oder Eisenholz. Dann werden sich die Demographen dieser Welt wundern, dass die Überalterung unserer westlichen Gesellschaft ruckartig stehen bleibt. Ein Investment in Gebärkliniken könnte sich lohnen.

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