Die Welt der Werbung aus der Sicht russischer Geheimdienste

Unser Auftrag in Moskau war alles andere als geheim: Vorbereitung für eine breit angelegte Kommunikationskampagne im Markt Russland, mit klassischer Werbung, PR, Social Media usw. Wir nutzten die Zeit, unsere Netzwerke zu pflegen auf Regierungs- und diplomatischer Ebene samt Treffen mit Opinion Leaders. Zu unserem Pflichtenheft gehörte auch das Drehen eines Videos mit Strassenszenen, das mittlerweile die Homepage unseres Kunden ziert.

Unsere Rencontres mit dem Geheimdienst fanden jeweils vor sechs Uhr morgens bei sechzehn Grad minus auf dem Roten Platz statt. Aus unseren Mündern quollen Dampfwolken, die Finger steckten eisig-klamm in dicken Handschuhen, die Dämmerung kroch hinter den Zwiebeltürmen hervor, einzige Lebewesen auf dem Platz: zwei räudige Hunde. Einziges Geräusch – Aufklappen der Stativbeine. Wie aus dem Nichts stand eine grimmige Gestalt neben uns – und verbot nach kurzem Verhör alle Dreharbeiten.

Sie werden zustimmen, ohne Roter Platz kein Moskau-Video. Also versuchten wir es am anderen Morgen zur gleichen nachtschlafender Zeit, darauf über Mittag und dann am Abend. Doch jedes Mal stand uns ein leicht durchfrorener Zerberus mit einem Verbot vor der Linse. Der Rote Platz ist bewacht wie die Kronjuwelen von Elisabeth der Zweiten. Drehen nur unter Lebensgefahr (unsere Sicht des Roten Platzes finden Sie hier, aber nicht verraten!)



In einer Zeitung hatte ich eine Woche zuvor gelesen, dass die russischen Behörden Anschläge auf U-Bahnstationen befürchten. Aufgrund unserer Erfahrungen gingen wir mit mulmigem Gefühl daran, eine der berühmten wunderschönen U-Bahnstationen zu filmen. Das dauerte ziemlich lange, niemand störte uns.

Eine Woche später war genau diese Station Ziel eines Anschlags mit Toten und Verletzten. Und in diesen Tagen sprengte sich ein Selbstmordattentäter mitten unter den Fluggästen des grössten Moskauer Flughafens in die Luft. Auch das ein bekanntes, «selbstverständliches» Ziel für Attentäter.

Ich bin beinahe sicher, der Rote Platz war gut bewacht.

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