Politiker orientieren sich, was Lügen betrifft, an einer 500 Jahre alten Maxime. WikiLeaks ist uns fremd, weil wir die Lüge institutionalisiert haben. Die Social-Media-Generation wird das ändern. Wikipedia ist das Lächeln im Cyberspace.
Lügen ist das Hauptinstrument der Macht
Schon Kleinkinder lernen den Unterschied zwischen den zu verabscheuenden grossen Lügen und Notlügen, die halbwegs erlaubt, zum Überleben gehören. Regierungen lernen das etwas später, vielleicht durch WikiLeaks?
Der Psychoanalytiker Léon Wurmser untersuchte 1999 das Problem der institutionell verankerten, bewussten Lüge. Er beobachtete Patienten aus Politik und Wirtschaft und stellte fest, dass bei vielen von ihnen Lügen eine Gewohnheit ist, die erst unter dem Eindruck psychoanalytischer Aufarbeitung zum Gewissensdilemma wird. Lügen sei ein Hauptinstrument der Macht. Die Weigerung, am Lügengespinst mitzuweben, werde als Schwäche, ja als Verrat verstanden.
Es hängt davon ab, was Sie Sex nennen
Niccolò Machiavelli stellte in der Renaissance eine These auf, welche noch heute Richtschnur (auch demokratischer) Politik geblieben ist: Die Lüge ist ein Mittel, um die Herrschaft zu behaupten. «Ein Herrscher muss die Seelenstärke haben, sich nach den Winden des Glücks und dem Wechsel der Verhältnisse zu richten und vom Guten so lange nicht abzugehen, als es möglich ist. Aber im Notfall auch verstehen, Böses zu tun...»
Natürlich kann es auch «Halbböses» sein, wie ein klassisches Clinton-Zitat vor dem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses trefflich beweist. Auf die Frage, ob es mit Monica L. Sex gegeben habe, antwortete er sybillinisch: «Es hängt davon ab, was Sie Sex nennen.» Mit dieser Antwort erwies sich Clinton als begabter Schüler Machiavellis.
Politiker als füchsische Löwen
Die angeblichen Gründe zur Auslösung der Kriege gegen Vietnam (Johnson) und Irak (Bush) wiegen in ihren Auswirkungen bedeutend schwerer. Dieses Lügengewebe würde Machiavelli als legitimes Mittel der Machtausübung bezeichnen und zusätzlich würde er sich so äussern: «Ein tüchtiger Herrscher muss gleichzeitig die Natur des Fuchses und jene des Löwen annehmen. Der Löwe ist wehrlos gegen Schlingen, der Fuchs wehrlos gegen Wölfe. Man muss Fuchs sein, um die Schlingen zu wittern und Löwe um die Wölfe zu schrecken. Mit anderen Worten, ein kluger Machthaber darf sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Schaden gereichen würde... »
Journalisten sind nicht mehr Pflock im Fleisch der Mächtigen
Hitlers Propaganda-Kompanien (PK) gaben mit ihren Leicas dem Zweiten Weltkrieg – auf Sieg getrimmt – sein heroisches Heimatfrontgesicht. Die Bushregierung erfand den «Embedded Journalist», die Karikatur des kritischen Journalisten. Friedrich Nowottny (ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks) meinte dazu: «Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr gross.» Die Journalisten wurden «mit Augenmass» auserwählt, erhielten ein kurzes, militärisches Training in den USA und mussten dann, zusammen mit ihren Arbeitgebern, die Ground Rules unterschreiben. Vorschriften, die ihr Denken, Schreiben, Filmen und Tun exemplarisch einschränkten. Die Propaganda-Kompanien der Moderne sind und bleiben Erben Hitlers Propaganda-Kompanien. Für amerikanische Journalisten in amerikanischen Medien war es in den ersten Monaten des Irakkrieges unmöglich, eine kritische Haltung einzunehmen. Die Zensur war subtil. Kritik war unamerikanisch und gefährdete das Leben «unserer Boys». Man nennt das institutionalisierte Lüge.
Unsere Gesellschaft hat zu viel weisse Substanz im Cortex
Wie sehr wir uns an die Institutionalisierung der Lüge in Politik und Wirtschaft gewöhnt haben, zeigen die Reaktionen auf WikiLeaks. Laut einer Studie der Universität von Südkalifornien verändert sich bei pathologischen Lügnern die Hirnstruktur. Die weisse Substanz im präfrontalen Cortex – sie ist für die Informationsübermittlung zuständig – dominiert atypischer Weise die graue Substanz, welche Informationen ordnet und verarbeitet. Dem Kodex unserer Gesellschaft entsprechend, hat sich die graue Hirnsubstanz unserer Gemeinschaft im Laufe der Zeit zusehends verflüchtigt. Das betrifft nicht nur die Politik. Ebenso sehr betrifft es die Wirtschaft. Die Lügen um (nicht verursachte) Umweltschäden, (mündelsichere) strukturierte Produkte, (nicht verursachte) Immobilienkrisen, (für alle Ewigkeit geheiligte) Bankgeheimnisse ... sie sind ebenso institutionalisiert. Interessanter Weise erwarten wir von den involvierten Kreisen gar nichts anderes als Lüge. So stimmt die Welt.
Was wäre, wenn Pinocchios Nase schrumpfen würde?
Betrachtet man das Phänomen Lüge nicht aus der Warte ethischen Verhaltens, ergeben sich besonders interessante Aspekte. Nimmt man an, die Grosse Lüge wäre nicht nur vorder- sondern auch hintergründig gesellschaftlich geächtet, ergäbe sich eine interessante Ausgangslage für ein völlig neues Denken und Handeln.
Man kann davon ausgehen, dass Lügen mittel- und langfristig unproduktiv sind, ein gutes Beispiel ist die Lebenslüge. Sie neigt zum Implodieren der eigenen Sinnhaftigkeit. Die Lüge ist ein dummer Lebensentwurf für Visionen, Ideen, Projekte, weil Häuser mit morschem Fundament zusammenbrechen. Kurz, die Lüge ist teuer. Was sie auslöst, sind Reparaturen, wirtschaftliche Schäden, Insolvenz, beschädigtes Vertrauen, Zeitverschiebung der (richtigen) Lösungen...
Die Ratten im Sonnenlicht
Da wir von einer Welt der Quartalsabschlüsse in Kurzfristdenken erzogen sind, wäre der Verlust der Lüge ein umwälzendes Ereignis. Lügen löst ein Problem (vordergründig gesehen) rasch. Wahrheit braucht so ihre Zeit. Wahrheit ist träge. Deshalb ist die Lüge so beliebt. WikiLeaks hat die unangenehme Eigenschaft, Steine umzudrehen. Was ans Tageslicht kommt, sind Asseln und Ratten. Wir verdammen WikiLeaks, nicht die Asseln und auch nicht die Ratten.
Kommentatoren, die WikiLeaks verurteilen, schreiben am anderen Tag darüber, dass Facebook und Twitter die Lüge der Diktaturen überwinden, neue Gemeinschaften ermöglichen, unterdrückte Wahrheiten aufdecken. Unterdrückte Wahrheiten aufdecken? Gut so!
Die Jungen leben auf einem anderen Planet
Eine junge Journalistin hat es so formuliert: «Die Alten tun alles, um ihr Privatleben zu verstecken. Wir breiten unser Leben aus. Auf Facebook zeigen wir einander, wie wir sind, was uns ausmacht, was wir denken.» Diese neue Gesellschaft öffnet die Türen ihrer Zimmer, sprengt die Mauern ihrer Häuser, walzt Grenzen nieder, breitet ihre Geheimnisse aus und ist neugierig auf andere. Dahinter steckt auch ein Mysterium. Es heisst Web 2.0. Web 2.0 ist Kommunikation pur. Kommunikation ohne Grenzen, vorbei an allen, von jahrhundertealter Tradition geheiligten Instanzen, welche den Informationen ihre Kanäle zuwiesen, Informationswegzölle erhoben, Dämme bauten, Fischtreppen erlaubten oder verboten. Das ist krass. Nur haben es die meisten noch nicht bemerkt. Social Media unterwandert vieles. Unter anderem die institutionalisierte Lüge. Und – auch das liegt auf der Hand – Social Media sind keine Heilslehre, sowenig wie WikiLeaks. Social Media sind eine Renaissance, mit dem Unterschied, dass sie nicht rückwärtsgewandt sind. Social Media öffnen tausend Türen, hinter einigen ist das Paradies, hinter anderen die Hölle.
Wikipedia ist Lächeln im Cyberspace
Social Networks wie Facebook werden mit Sicherheit von kreativeren Lösungen abgelöst. Was bleibt, ist allerdings der Geist des Exaltierten, des Austausches zwischen Heerscharen Gleichgesinnter mit Flächenbrandgefahr für Herrschende und alles Etablierte. Das hat reinigende, erschreckende und erfreuliche Aspekte.
Wie ein erfreulicher Teil unserer Welt in Zukunft aussehen könnte, zeigt Wikipedia. Es gibt dem, was wir als «Weltwissen» bezeichnen, Umrisse ... an dieser Enzyklopädie arbeiten Tausende, die Inhalte werden gemeinschaftlich korrigiert erweitert und dem Laufe der Zeit angepasst. Wikipedia entwickelte sich zum meist benutzten Online-Nachschlagewerk und schaffte es auf Platz sieben der meistbesuchten Websites. Die Triebkraft hinter Wikipedia sind keine Gewinnabsichten und kein Karrieredenken, Mittun entspringt der Freude an der Sache an sich. Diese Strahlkraft der Mystik und der Aura einer Idee ist das, was – idealisiert – Web 2.0 ausmacht. Da wird ein Virus gesetzt, er steckt an und breitet sich aus. In einem überhöhten Sinne entstehen Gemeinschaften, die Nationen und Kommunen nicht ganz unähnlich sind. Es ist anzunehmen, dass andere 2.0-Viren ebenfalls das Fieber idealistischer Begeisterung entfachen werden. Natürlich sind Viren nicht nur Träger des Edlen, Guten. Im Cyberspace findet sich eng neben dem Lächeln, die Grimasse.
Vorgänger von Wikipedia sind Internet-Gemeinschaften in der Forschung, auch sie bringen Wissen über Ozeane und Gebirgszügen zusammen. Noch hat niemand genau analysiert, welche Werte durch das Schrumpfen von Distanzen und Addieren von Hirnsubstanz in Forschung und Wirtschaft generiert werden.
Die Frage stellt sich deshalb, weil Historiker sprunghafte wissenschaftliche Fortschritte während der Renaissance ausmachten. Neben einem sich ändernden Klima in Religion und Gesellschaft zeichnet eine bahnbrechende Erfindung dafür verantwortlich. Die Träger des Wissens, Klostermönche, arbeiteten im blakenden Fackellicht. Mit dreissig Jahren waren sie so sehbehindert, dass Lesen mühsam wurde. Die Erfindung der Lesebrille schenkte einer ganzen Mönchsgeneration zehn zusätzliche Jahre der Erkenntnis.
Das Web 2.0 ist die Lesebrille des 21. Jahrhunderts.