Ölkatastrophe und BP

Als der letzte Hurrican Miami beutelte, klingelte mein Telefon. Eine betagte Bekannte im Nachbartower bat darum, vorübergehend unsere Ferienwohnung benützen zu dürfen. Der Lift sei blockiert, die Aircondition außer Betrieb und die Steaks im Tiefkühler befänden sich stinkender Weise im letzten Leichenstadium. Das wunderte mich, denn eines der vielen Gesetze in Florida verlangt von größeren Condominumkomplexen eine ausreichende automatische Notstromversorgung. Des Rätsels Lösung gründet im hemmungslosen angelsächsischen Wettbewerbs- und vordergründigen «Rendite"-"Denken», das denn auch der Finanzwirtschaft zum Desaster geriet. Vorgeschrieben ist ein Notstromaggregat nicht jedoch ein Tank für das nötige Dieselöl. In Kürze ist das auch nicht mehr nötig, kann man den Saft doch direkt vom Meer abschöpfen. Auch dort wurde - wurde «Rendite optimierend» - am BP-Sicherheitssystem eingespart.

Zeitmanagement

Seit rund zehn Jahren fehlt mir ein wesentlicher Beitrag zu meiner Lebensqualität, es sind die Seminare zum Thema Zeitmanagement. Time Management bestand im wesentlichen aus einem Buch, in welchem ein einziger schüchterner Termin auf verschiedenen Seiten von verschiedenen Seiten her zu beleuchten war, inklusive tiefsinniger Notizen. An sich verbrachte man seine Zeit damit, seine Arbeitszeit zu organisieren. Im Zeitalter der elektronischen Agenda hat sich das überlebt. Wirklich? Nein, nicht wirklich - die gleichen Gurus sind wieder unterwegs und rauben uns produktive Zeit. Einziger Unterschied, der administrierte Zeitverlust verliert sich im Cyberspace.

Idiotische Wettbewerbsfragen

Die Sportredaktion des Schweizer Fernsehens stellt im Rahmen der FIFA-WM an den intellektuellen Teil ihres Publikums interessante Fragen. Von der Gewichtigkeit her etwa auf der Ebene "Welche Stadt liegt in Südafrika, Uster oder Capetown?" Da die Lösung intern umstritten war, wurde ein Expertenteam aus entlassenen Geheimdienstmitarbeitern gebildet. Es ist mit fröhlichem Städtefichieren für die nächsten Monate ausgelastet.

Fichenskandal und Kommunikation

Geheimdienste üben eine hohe Faszination auf problematische Mitmenschen aus. Autoren wie John le Carré glorifizieren eine Branche, die ausserhalb der Legalität operiert. Aber ihre Kommunikation trägt Früchte. Auch in Musterdemokratien gibt es für Geheimdienste Sonderregelungen, welche ihnen die fortgesetzte Verletzung der Menschenrechte - bis hin zu Mord - straflos erlaubt. In der Schweiz bleibt es allerdings bei Lachnummern. Das gelegentliche fichieren sinnloser Daten, der Ankauf von Häusern im Ausland als Versteck für Bundesräte oder unser Superspion Kurt Schilling, der sich in Österreich so auffällig für Militärmanöver interessierte, dass er verhaftet wurde. Man könnte und sollte in Kleinstaaten Geheimdienste abschaffen. Sie sind Auswüchse der Grossmannssucht. Aber ... auch unsere Politiker lesen John le Carré.

Ambush-Werbung für mittlere und kleine Unternehmen

Dürfen Sie im Kielwasser der Europameisterschaften Geld verdienen? Geld verdienen, auch wenn Sie nicht offizieller Sponsor der UEFA sind? Ich glaube, ja. Niemand will Kaiser Sepp Blatter und seinen europäischen Statthaltern die Einnahmen aus Logo und direktem Sponsoring streitig machen. Doch die Tatsache, dass Spieler und Funktionäre von der Quellensteuer befreit sind, dass Sponsoringeinnahmen geschützt und dass der Fiskus während drei Wochen den Einsatz von 16 000 Schweizer und zusätzlichen deutschen Polizisten berappen wird, inspiriert kreative Schweizer Unternehmen zu Ambush-Sponsoring-Aktionen. Ein Beispiel: Die Migros wird während der Europameisterschaft an zentralen Lagen in Basel familienfreundliche Fan-Meilen einrichten. Diese Fan-Meilen lassen sich - marketingtechnisch gesehen - so nutzen, dass der Effekt nachhaltig ist. Die Kosten sind marginal, der Effekt optimal, das Fussballerlebnis ungebremst. Ambush-Werbung macht dann Sinn, wenn ein Unternehmen die Fussballbegeisterung als Multiplikator nutzen kann. Dazu braucht es keine Werbung mit UEFA-Logo, keine Bandenwerbung, nichts Offizielles. Im Gegenteil: Das offizielle Logo ist eher hinderlich, weil es einschränkt, weil es ins Umfeld der übermächtigen Präsenz der Hauptsponsoren führt. Und wie reagiert die UEFA auf die Ambush-Werbe-Aktion der Migros? Sie droht, reichlich hilflos rechtliche Schritte an. Falls diese überhaupt erfolgen, werden sie ins Leere greifen. Das ist umso ärgerlicher, weil Ambush-Sponsoring unter dringendem Verdacht steht, erfolgreicher zu sein als traditionelles Sponsoring. Laut einer Studie des «Journal of Advertising Research» anlässlich der WM 06 erzielten von acht Mainsponsoren nur drei eine gewisse Nachhaltigkeit in ihrer Brand-Awareness. Im Gegensatz dazu bietet Ambush-Sponsoring meiner Meinung nach vor allem nationalen Sponsoren ausgezeichnete Möglichkeiten zur Positionierung.

Die fünf fundamentalen Fehler des Senioren-Marketings.

Die demographische Entwicklung und die Verschiebung von Einkommen und Vermögen Richtung graue Haare spricht eine klare Sprache. Die Ablösung des Jugendkultes durch den Altenkult ist bereits Tatsache, wenn auch noch in der Phase des Umbruchs. Ein Kult wird durch einen anderen Kult ersetzt, das entspricht dem Muster der historischen Entwicklung des Gesellschaftsverständnisses in allen Kulturen weltweit. Das ist immer eine Phase des Unverständnisses und der Unsicherheit - die Füsse, der Magen und die Arme stecken noch im alten Kult, der Kopf ahnt, dass im neuen Kult mehr Potenzial steckt. Beispiel aus der Praxis: Designstudie für ein Auto mit bequemerem Einstieg. Konsumentenbefragung über die Copy: "Steigen Sie ein, durch die bequemsten Türen der Autogeschichte - ideal auch für ältere Herrschaften." Ergebnis: Desaströs. Wir ändern die Copy und erzielen ideale Umfragewerte: "Für Menschen, die Verneigungen nicht mehr nötig haben". Was sind die Hauptgründe, wenn Seniorenmarketing nicht klappt?
1. Das falsche Bild der Jungen Alten. Pensioniert werden gegenwärtig die 68er und die Babyboomer. Das ist die Generation der Rebellen und der Babyboomer. Was dieser neuen, kritischen Seniorengeneration angeboten wird, ist Wasser anstelle von Wein.
2. Die Jungen Alten werden als isolierte Exoten im Markt angesprochen. Eigentlich glaubt man weder an ihre finanzielle noch an ihre intellektuelle Macht. Aber die neue Seniorengeneration repräsentiert jene Elite und ihre Entourage, welche die Welt in den globalen Marktplatz verwandelte.
3. Neuere Untersuchungen zeigen, wie das sich verdichtende Bewusstsein der Endlichkeit des individuellen Lebens, Kaufentscheide massgebend beeinflusst. Das wird ignoriert... birgt aber eine ganze Klaviatur für hochwertige Dienstleistungen und Produkte.
4. Zu wenig genutzt wird auch das Bedürfnis, im Leben Verpasstes nachzuholen. In diesem Begehren stecken massive, tiefgründige Hebelkräfte.
5. Der grosse Unterschied von Senioren-Marketing und zukunftsträchtigem Alten-Kult wird nicht einmal im Ansatz verstanden.

Wie geht es Ihren Aktien?

Schemenhaft mag ich mich an die «gesegneten Börsen-Zeiten» des New Business erinnern. Das Steigerungspotenzial nach oben schien ebenso unendlich, wie der bodenlose Fall kurz darnach. Als Kommunikationsberater stand ich nicht am Rande, ich kommunizierte fröhlich das, was renommierte Institute an Prognosen weltweit so zu bieten hatten. Heute weiss man, was die Topauguren nach «erprobten, wissenschaftlichen Methoden» erhoben haben, war höherer Blödsinn. Lob hudelnde Finanzanalysen übersprangen angebliche Chinesewalls innerhalb der Leadbanken und Schwindel erregend ansteigende Börsenkurse entstammten Deals zwischen Bankstrategen und ihren Lieblingskunden. Die rechtlich bindenden Emissionsprospekte wiesen ein höheres Fantasiepotenzial auf als die Läster-Gedichte von Erich Kästner selig. Sie sind sicher mit mir einig - diese Autoren haben wahlweise den Literaturnobelpreis oder Zuchthaus verdient. Zuchthaus? In den USA zum Teil ja - in Europa und insbesondere in der Schweiz nein. Im ersten Schock waren sich Behörden, Finanzintermediäre und Medien einig: Man muss den Leadbanksfinanzanalysen, die im eigenen Haus entstanden sind, verbieten - die Versuchung in diesem Millionengeschäft ist einfach zu gross und die Boni für die involvierten Spezialisten zu hoch. Neutral sei die Analyse! In diesen Wein der ersten Entschlossenheit wurde so viel Wasser gegossen, dass von guten Vorsätzen nur noch einige zahnlose Modelle übrig blieben. Weil ich kommunikativ Börsengänge in Europa und in den USA begleitet habe, landen jetzt wieder vermehrt IPO-Projekte (IPO = Initial Public Offering = Börsengang) auf meinem Schreibtisch. Sie fussen zu einem schönen Teil auf Prognosen derselben Institute, die uns in den Zeiten der Hype so viel Freude und später so viel Ungemach bereitet haben. Auch die Namen der Analysten wecken Erinnerungen. Die Branche hat aus dem Desaster nichts gelernt. Im Moment sind gewisse Kreise dabei, die Nanotechnologie in den Stand des uferlosen Wachstums zu erheben. Zugegeben, ein faszinierendes Beispiel innovativen, menschlichen Forschungsgeistes. Vermutlich allerdings behaftet mit einem Risikoanteil, der sich durchaus mit jenem der Atomkraftwerke vergleichen lässt. Man hüte sich am Morgarten. Also - wie gehts Ihren Aktien? Sicher gut, wenn Sie klug diversifiziert anlegen... und Sie zu keiner Realisierung zur Unzeit gezwungen sind. Gut, wenn Sie hochgejubelten Jungunternehmern, Bankberatern und den Zukunftstechnologien des dramatischen Wachstums misstrauen. Wenn Sie das konsequent tun, haben Sie sich auch meinen ultimativen Investitionstipp verdient: Das höchste Rendement erzielt, wer in den eigenen Betrieb investiert.